Das Wunder von Bern? Gregor Kobel kennt es natürlich. Borussia Dortmunds Torwart erinnert sich an einen Film über die Dassler-Brüder, in dem natürlich auch der Mythos vorkommt, nach dem Adi Dassler die revolutionären Stollenschuhe für das Fritz-Walter-Wetter lieferte. Deutschland wurde Weltmeister in der Schweiz, Kobels Heimatland. Im Gespräch mit dem 28-Jährigen vor dem Länderspiel seiner Schweizer Nati gegen Deutschland am Freitagabend (20.45 Uhr/RTL) in Basel erzählt Kobel seine ganz eigene deutsch-schweizerische Fußball-Geschichte. Es geht dabei auch um den Unterschied zwischen beiden Ländern, Kritik an Torhütern und vor allem den Unterschied zwischen seiner Heimat Zürich und dem Kraichgau-Dorf Bockschaft, in das er im Jugendalter zog.
Herr Kobel, Fondue, Maultaschen oder Currywurst?
Gregor Kobel: Fondue. Das ist ja wohl ganz klar!
Natürlich, das Schweizer Gericht.
Aber nur im Winter, und zu ausgewählten Anlässen wie Weihnachten oder mal an meinem Geburtstag, der ja auch im Dezember ist. Käsefondue ist mein Favorit, das Fondue Chinoise, also mit Fleisch, ist aber auch sehr lecker.
BVB-Torwart Gregor Kobel: „Das Leben in Bockschaft war crazy“
Sie haben bald Ihr halbes Leben in Deutschland verbracht. Was ist an Ihnen deutsch?
Ja, Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Hier bin ich erwachsen geworden, habe in verschiedenen Städten gelebt, einen großen Freundeskreis. Meine Tochter hat zudem den deutschen Pass – Sie sehen, es färbt auf jeden Fall ab (lacht). Die Schweiz hat mich trotzdem am meisten geprägt.

Und das Schwizerdütsch haben Sie sicher auch nicht verlernt?
Niemals. Meine Frau ist auch Schweizerin, ich bleibe also zu Hause in der Übung.
Sie sind 2014 nach Deutschland zur TSG Hoffenheim gewechselt und haben zunächst in einer Gastfamilie gelebt. Wie aufregend war das Teenager-Leben im 400-Seelen-Dorf Bockschaft?
Bockschaft war crazy, ein ganz schöner Kulturschock, weil ich ja nichts anderes als das Leben in Zürich kannte. Ich habe aber sehr schöne Erinnerungen an die Zeit dort, meine Gastmutter war eine ganz liebe Frau, die sich toll um mich gekümmert hat. Ich habe auch heute noch Kontakt zu ihr.
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Stimmt es eigentlich, dass Sie sich abends rausgeschlichen haben, um auf dem Feldweg noch Sprungtraining zu machen?
Von wem haben Sie das?
Von Ihrer Gastmutter, das hat sie vor einigen Jahren in einem Interview erzählt.
Dann muss das stimmen, ich habe schon immer gerne Extraschichten im Training gemacht, und so viele andere Möglichkeiten zur Beschäftigung gab es in Bockschaft nicht (lacht). Ich hatte sehr viele Freiheiten, musste nur Bescheid sagen, wo ich hingehe. Und seien wir mal ehrlich: Sie musste auch keine Sorge haben, dass ich in Bockschaft eine Bar finde. Mein erster Besuch in Hoffenheim beim Trainingszentrum war auch eine witzige Geschichte.
Erzählen Sie.
Mein Vater hat mich damals hingefahren. Links am Ortseingang ist eine Tankstelle, ein Stück weiter ein Döner-Laden, dazwischen liegt die Trainings-Anlage – und dann hast du in Hoffenheim auch schon alles gesehen. Er hat mich da ein wenig ausgelacht, denn wie gesagt: Wir kamen aus Zürich, einer Metropole, und das war das genaue Gegenteil. Aber: Hoffenheim hat einen wirklich coolen Plan mit mir gehabt, mir den Weg innerhalb von zwei Jahren zu den Profis aufgezeigt. Julian Nagelsmann war mein U19-Coach, Michael Rechner, der heute bei Bayern München arbeitet, mein Torwart-Trainer – zwei absolute Top-Leute. Mich hätte es deutlich schlechter treffen können.

Gab es auch schwierige Tage, so weit weg von zu Hause?
Klar, mit 16 auf sich allein gestellt zu sein, ist hart. Familie und Freunde leben in einem anderen Land. Ich konnte mich ja nicht einfach ins Auto setzen und nach Hause fahren. Aber irgendwie war es auch cool, denn ich habe früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Das hat mir extrem geholfen, erwachsen zu werden.
Sie haben Ihren Vater schon angesprochen. Er wollte ursprünglich nicht, dass Sie Profifußballer werden.
Als ehemaliger Eishockey-Profi war er recht skeptisch, weil er wusste, was man für den Sport aufgibt und wie hart er sein kann, er hat viele Verletzungen davongetragen. Mein Vater hat aber von Anfang an gesagt: Wenn du es unbedingt machen willst, dann richtig, dann nehme ich dich an die Hand im Profigeschäft. Da ging es nicht um technische Fußball-Dinge, sondern um die mentale Komponente. Das Sportler-Mindset wurde mir schon in die Wiege gelegt.
BVB-Torwart Gregor Kobel: „Baumann und ich waren Konkurrenten“
Sie sind über Hoffenheim, den FC Augsburg und den VfB Stuttgart bei Borussia Dortmund gelandet. Muss man als ambitionierter Jungprofi heutzutage den Gregor-Kobel-Weg gehen und die Schweiz früh verlassen?
Nein, ich bin da eher eine Ausnahme, denn die meisten Spieler in der Nati sind in der Schweiz zum Profi geworden, wo du als junger Spieler viele Minuten bekommst. Für mich hat es damals mit Hoffenheim einfach von Anfang an gepasst. Und ich hatte in der Zusammenarbeit mit Julian Nagelsmann schon in meiner ersten Woche als Trainingsgast ein gutes Gefühl, auch wenn ich da natürlich noch nicht erahnen konnte, dass er später mal deutscher Bundestrainer werden würde. Heute glaube ich, dass der Schritt viel größer war, als ich ihn damals wahrgenommen habe.

Am Freitag schließt sich der Kreis mit dem Länderspiel gegen Deutschland und Bundestrainer Nagelsmann. Wie speziell ist diese Konstellation?
Jedes Spiel für dein Land ist speziell, besonders gegen die Top-Mannschaften. Und Deutschland ist eine. Ich kenne viele der Jungs, seit ich 16 oder 17 bin, das ist eine coole Sache.
Und in Oliver Baumann steht im deutschen Tor Ihr ehemaliger Hoffenheimer Mitspieler. Haben Sie damals zu ihm aufgeschaut?
Nein, das wäre das falsche Wort. Wir waren Konkurrenten. Ich war ein junger, ambitionierter Torwart, der unbedingt spielen wollte. Er war der gestandene Profi, der gemerkt hat, dass da jemand von hinten kommt. Wir haben uns gegenseitig gepusht. Aber klar: Er war damals schon ein sehr guter Torhüter, an dem ich mich orientieren konnte. Und ich finde cool, dass er als Nummer eins jetzt ganz Deutschland zeigen kann, was er für eine Qualität hat.
BVB-Torwart Gregor Kobel über seinen Weg zur Schweizer Nummer eins
Dabei stellte sich in Deutschland lange nur die Frage: Manuel Neuer oder Marc-André ter Stegen? Und jetzt geht Baumann als Nummer eins ins WM-Jahr.
So ist Fußball, da geht es manchmal schnell. Olli hat über Jahre immer gute Leistungen gebracht und es richtig gut gemacht, als er dann seine Chance bekam. Das musst du erstmal so schaffen, der Rummel ums DFB-Tor ist sicher ein anderer als in Hoffenheim.

Sie wurden nach der EM 2024 die Nummer eins der Schweiz. Sind Sie damit wie Baumann auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere?
Gute Frage. Ich denke, dass als Torwart meine besten Jahre noch vor mir liegen, wenn man den Vergleich zu anderen Top-Torhütern in der Vergangenheit wie Gegenwart zieht. Wir sind länger in unserer Prime als Feldspieler. Ich war aber nie ein Fan davon, solche Zwischenbewertungen vorzunehmen, sondern ich will jeden Tag an mir arbeiten – und dann wird das irgendwann Früchte tragen.
Ich denke, dass als Torwart meine besten Jahre noch vor mir liegen, wenn man den Vergleich zu anderen Top-Torhütern in der Vergangenheit wie Gegenwart zieht. Wir sind länger in unserer Prime als Feldspieler.
Gregor Kobel , BVB-Torwart
Obwohl viele schon lange sagen, dass Sie der beste Torwart der Bundesliga sind, waren Sie hinter Yann Sommer die Nummer zwei der Schweiz. Sie haben das nie beklagt. Kann eine solche Zeit auch helfen, als Mensch und Spieler zu reifen?
Naja, so ist halt Fußball. Das schwierige Los des Torwarts ist, dass – im Gegensatz zu Feldspielern, die du 20 Minuten reinwerfen kannst – nur einer spielen kann. Ich habe mich in dieser Zeit auf den BVB konzentriert und wollte mit dem Klub das Maximum erreichen. Damit bin ich gut gefahren.
Sie wirken sehr reflektiert.
Man muss ehrlich zu sich sein, um das Bestmögliche zu erreichen, auch wenn das manchmal schwierig ist. Inwiefern mir das gelingt, kann ich über mich selbst nur schwer beurteilen.
Ist die mentale Belastung als Torwart noch einmal größer? Sie haben dem BVB nicht nur in dieser Saison einige Punkte gerettet, zwölfmal zu null gespielt. Andererseits unterlief Ihnen der schwere Fehler, der zum Champions-League-Aus in Bergamo führte. Den haben Sie sofort auf Ihre Kappe genommen.
Auch das ist das Los des Torwarts, das musst du aushalten. Man kann sich im Leben nicht davon freimachen, falsche Entscheidungen zu treffen.
Stimmt es, dass Sie sich alle Gegentore im Anschluss auf Video ansehen?
Ja, aber die Gegentore sind in der Videoanalyse nicht immer das Interessanteste. Welche Erkenntnis soll ich zum Beispiel aus einem technischen Fehler gewinnen, wenn ich ihn mir mehrfach ansehe? Spannender sind Positionierung, Vororientierung, das Spiel lesen, Situationen früh genug zu erkennen.
BVB-Torwart Gregor Kobel: „Deutschland bleibt eine Top-Nation“
Wird das Torwartspiel unterschätzt?
Ich glaube, das Tor ist die Position, die in der Breite noch am unbekanntesten ist. Manchmal höre oder lese ich, warum Kommentatoren, Experten oder Medien Torhüter kritisieren, und ich denke mir: Das kannst du jetzt gar nicht negativ bewerten.
Zum Beispiel?
Die Querpass-Verteidigung. Da heißt es oft, ein Torwart mache einen Fehler, wenn er den Ball in Richtung Feldmitte abwehrt. Ganz ehrlich: Das ist brutal schwer, weil du den Pass verteidigen sollst, aber gleichzeitig im Auge haben musst, was hinter deinem Rücken passiert. Wenn da kein Gegenspieler ist, kannst du den Ball durchlassen. Wenn da jemand steht, musst du mit aller Macht den Pass verhindern, und zwar im Bruchteil einer Sekunde. Da ist meiner Meinung nach eine Abwehr in die Mitte kein Fehler, sondern, wenn überhaupt, unglücklich, denn die Richtung kannst du da nicht mehr steuern.
Haben Sie generell ein Problem mit Bewertungen von außen?
Nein, überhaupt nicht. Das Torwartspiel ist eben viel Risikoabwägung und sehr individuell. In den vergangenen 20 Jahren hat es sich einem großen Wandel unterzogen. Schauen wir mal, wohin das führt.

Zurück zum Länderspiel gegen Deutschland. Die DFB-Elf wurde zuletzt sehr kritisch gesehen, das Glas schien immer eher halb leer statt halb voll zu sein. Als Fußballnation wird Deutschland aber weltweit bewundert. Wie nehmen Sie diesen Widerspruch wahr?
Diesen Status habt ihr euch ja auch eindrücklich erarbeitet. Seit dem Wunder von Bern war Deutschland in jedem Turnier Mitfavorit. Klar, zuletzt war man vergleichsweise weniger erfolgreich, aber das liegt auch daran, dass man sich selbst einen unfassbar hohen Standard gesetzt hat. Wenn man einmal da oben ist, ist es leicht, schlecht auszusehen. Deutschland hat nach wie vor unglaublich gute Spieler und gehört zu den Top-Nationen.
Fühlen Sie sich als Schweizer in der Außenseiter-Rolle wohl?
Ihr habt zehnmal so viele Einwohner, und die Sportart ist hier die größte – da werden wir natürlich gerne die Underdog-Rolle einnehmen (grinst).
Und bei der WM?
Auch da. Die Schweiz kam seit 1954 nicht mehr über das Achtelfinale hinaus. Dennoch haben wir eine coole Truppe zusammen mit viel Erfahrung und Jungs, die gierig sind und viel Qualität mitbringen. Wir haben eine wirklich gute Qualifikation gespielt und haben gerade eine sehr gute Stimmung im Team.
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Was bedeutet Ihnen Ihr erstes Turnier als Stammtorwart?
Ich freue mich natürlich sehr darauf. Ehrlich gesagt habe ich mich aber damit noch gar nicht so viel beschäftigt, weil das Turnier noch so weit weg scheint. Der Fokus wird jetzt nach den Testspielen nach und nach auf die WM gelegt. So wirklich realisieren kann ich es wahrscheinlich erst, wenn ich in den USA auf dem Platz stehe.
BVB-Torwart Gregor Kobel über Schweizer beim BVB
Beim BVB gibt es derzeit einige Grundsatz-Entscheidungen, viele Veränderungen im Kader zur neuen Saison. Sie zählen seit Jahren zu den Führungsspielern, nach dem Abschied von Julian Brandt werden Sie der dienstälteste BVB-Profi sein. Spüren Sie künftig noch mehr Verantwortung?
(überlegt lange) Jein, sicherlich nicht im negativen Sinn. Ich versuche, mit meiner Art die Jungs zu unterstützen. Es verändert sich ja immer alles ein Stück weit, mal rücken andere weiter in den Fokus – und das ist auch gut so. Wenn ich das Gefühl habe, die Mannschaft braucht gerade meine Hilfe, dann werde ich bestimmte Themen ansprechen. Ich bin niemand, der sich nach vorne drängelt und seine Meinung durchdrücken muss.
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Von Stephane Chapuisat über Alex Frei zu Ihnen: Viele Schweizer haben beim BVB ihre Leistung gebracht und sind zu Publikumslieblingen aufgestiegen. Warum passen die Eidgenossen offensichtlich so gut nach Dortmund?
Berge gibt es hier nicht, also dürfte das gar nicht passen, oder? (lacht) Ich habe mich hier von Anfang an wohlgefühlt. Wir Schweizer spielen uns nicht groß auf, aber erledigen fleißig und zuverlässig unsere Arbeit. Ich glaube, das passt gut zum Ruhrgebiet. Die Schweizer sind ansonsten nicht konfrontativ, sondern neutral, das ist nicht nur ein Vorurteil. Ich hingegen bin recht geradeaus – da bin ich wohl doch ein bisschen deutsch geprägt (lächelt).





