Rudi Völler muss sich für einen kurzen Moment entschuldigen, als er zum Interview-Termin in seinem Büro auf dem DFB-Campus in Frankfurt empfängt. Heidi Beckenbauer, Witwe von Fußball-Legende Franz Beckenbauer, ruft bei Völler an. Der 66-Jährige ist noch immer ein gefragter Mann. Für die Fragen dieser Redaktion nimmt sich Völler anschließend eine Stunde Zeit.

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Der Direktor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat wenige Wochen vor dem Start der Weltmeisterschaft viel zu erzählen. Vor allem die jüngste Kritik an Bundestrainer Julian Nagelsmann hat Völler genervt. Nur auf die Fragen nach Manuel Neuer und einem möglichen Comeback möchte er nicht antworten – und verweist auf Bundestrainer Nagelsmann und die Kaderbekanntgabe in der kommenden Woche.

Herr Völler, wir haben Ihnen ein Foto mitgebracht. Erkennen Sie, wann und wo das war?

Rudi Völler: Das müsste das 1:0 gegen Belgien gewesen sein. WM-Achtelfinale 1994. In Chicago.

Ganz genau. In zweieinhalb Wochen werden Sie wieder dort sein.

Und darauf freue ich mich. Wahrscheinlich wurden seit 1994 in allen großen US-Städten neue Stadien gebaut, nur in Chicago nicht. Das Stadion ist zu Beginn des Jahrtausends mal modernisiert worden, ja. Aber es steht immer noch am selben Ort wie der alte Kasten, in dem ich 1994 mein letztes Länderspieltor gemacht habe.

Wollten Sie deshalb in Chicago gegen die USA Ihr letztes Testspiel vor der WM machen?

Es ist gar nicht so einfach, das letzte Testspiel vor der WM organisatorisch gut zu lösen. Das weiß ich noch aus meiner Zeit als Teamchef. Umso mehr freue ich mich, noch einmal in Chicago zu sein. Wir haben in dem Stadion 1994 drei Spiele gemacht, darunter das Eröffnungsspiel gegen Bolivien. Auch wenn die WM für uns als Titelverteidiger nicht so erfolgreich war, habe ich noch viele Erinnerungen an das Turnier.

Die WM 2026 wird Ihr zehntes großes Turnier. Welchen Stellenwert hat die USA-WM in Ihrer Karriere?

Ich hatte mit der WM 1994 gar nicht mehr gerechnet. 1992 nach der EM hatte ich eigentlich aufgehört, hatte zehn Jahre in der Nationalmannschaft hinter mir, bin dann nach Marseille gewechselt, habe die Champions League gewonnen, die englischen Wochen taten weh. Berti Vogts und ich hatten aber immer Kontakt gehalten. Er fragte dann zweimal, ob ich noch einmal zurückkommen kann. Und ich kann eben schwer Nein sagen.

Dabei gab es mit Jürgen Klinsmann, Karl-Heinz Riedle, Ulf Kirsten und Stefan Kuntz vier Mittelstürmer im Kader.

Das habe ich Berti auch gesagt, als er nach Marseille kam. Aber er wollte auf meine Erfahrung nicht verzichten und meinte auch, dass ich den Lothar Matthäus ganz gut im Griff habe (lacht). Ich wusste natürlich, dass ich noch meine Einsätze bekomme, sonst hätte ich es nicht gemacht.

In der Vorrunde kamen Sie aber fast gar nicht zum Einsatz.

Gegen Spanien kam ich im zweiten Gruppenspiel rein. Gegen Südkorea war es mir dann zu heiß (schmunzelt). Dallas liegt ja gefühlt mitten in der Wüste. Das war das mit Abstand heißeste Spiel, das ich je erlebt habe. Das können Sie sich nicht vorstellen.

2. Juli 1994, Chicago: Rudi Völler überlupft den belgischen Torhüter Michel Preudhomme im WM-Achtelfinale und trifft zum 1:0.
2. Juli 1994, Chicago: Rudi Völler überlupft den belgischen Torhüter Michel Preudhomme im WM-Achtelfinale und trifft zum 1:0.© dpa | Tilly

Deutschland spielt gegen Curacao ebenfalls in Texas. Um 12 Uhr mittags. Bereiten Sie sich speziell auf das Klima vor?

Das Stadion in Houston hat zum Glück ein Dach. Wir sind zudem eine Woche vor Turnierstart in den USA. Es wird natürlich heiß, aber das betrifft ja alle Mannschaften.

Noch einmal zurück zu 1994: Mit Matthäus, Matthias Sammer, Jürgen Klinsmann, Mario Basler, Stefan Effenberg oder Oliver Kahn hatten Sie viele spezielle Charaktere in der Mannschaft. Wie hat Vogts das gelöst?

Es gab schon Theater, aber das war damals einfach so. Wir hatten außergewöhnliche Spieler. Wahrscheinlich sogar die besseren Einzelspieler als 1990, weil Matthias Sammer und Ulf Kirsten nach der Wiedervereinigung noch dazu kamen. Vor allem Sammer war in einer unglaublichen Verfassung. Wobei ich auch sagen muss, dass wir am Ende wahrscheinlich zu viele Weltmeister dabeihatten. Das haben wir auch 2018 mit Jogi Löw erlebt. Irgendetwas hat gefehlt. Du musst als Team zusammenstehen. Auch bei dieser WM wird am Ende entscheidend sein, dass du einen Teamgeist entwickelst. Wenn Kleinigkeiten nicht funktionieren, bist du schnell raus.

Um die Brücke in die Gegenwart zu schlagen: Julian Nagelsmann arbeitet klar mit Rollenbildern und achtet darauf, wie einzelne Charaktere zusammenpassen, statt, überspitzt gesagt, die 26 besten Einzelspieler zu nominieren. Wie bewerten Sie diesen Ansatz?

Das ist gut und wichtig, ich habe es 2002 als Teamchef ja nicht anders gehandhabt. Damals musste ich die eine oder andere Entscheidung – ohne Namen zu nennen – auch mit Bauchgefühl treffen, weil ich das Gefühl hatte, dieser oder jener könnte mir den Laden etwas durcheinanderwirbeln. Der Unterschied zu heute ist nur, dass Julian das vielleicht etwas offensiver kommuniziert.

Sollte man sich denn so früh festlegen?

Dass jeder Spieler weit vor dem Turnier seine Rolle kennt, ist nicht neu. Als wir 1990 Weltmeister geworden sind, wusste Kalle Riedle, dass Jürgen Klinsmann und ich vorne gesetzt sind, obwohl Kalle damals der beste Kopfballspieler in Europa war. Er konnte mit dieser Rolle super umgehen und war ganz wichtig für unsere Mannschaft. Weil man heute häufiger wechseln darf, hat man aber inzwischen viel größere Chancen, auf mehr Spielzeit zu kommen. Auch wenn man nicht unbedingt die Nummer 1 auf der jeweiligen Position ist.

Dennoch gab es im März das Dauerthema Deniz Undav, weil sich Nagelsmann unglücklich über dessen Rolle geäußert hatte.

Das stimmt, aber da hatte Julian sofort nach der PK das Gefühl, dass er über das Ziel hinausgeschossen ist, und sich bei Deniz entschuldigt. Diese empathische Art ist eine große Gabe und eine seiner größten Stärken.

Hat ihn die Schärfe der öffentlichen Kritik überrascht?

Bei Bayern, Dortmund oder Leverkusen wirst du als Trainer auch kritisiert, aber nur im direkten Umfeld des Vereins. Wenn du Bundestrainer bist, stehst du mehr im Fokus – diese Erfahrung muss jeder machen. Das habe ich Julian gleich in unserem ersten Gespräch gesagt.

Auch, dass sich Uli Hoeneß melden wird?

Als Bundestrainer muss man wissen, dass die ganze Nation bestimmte Entscheidungen hinterfragt. Da muss man Kritik aushalten können – auch die von Uli Hoeneß. Er hat mit seiner Vita das Recht dazu, sich kritisch zu äußern. Das macht er auch bei den Bayern, wo er, so wie ich das verfolgt habe, auch nicht alle heiligspricht.(lacht) Grundsätzlich ist das nicht schlimm, weil ich weiß, dass Uli Julian schätzt und ihn seinerzeit erst unbedingt in München halten und dann später zurückholen wollte. Dinge, die faktisch falsch sind, muss man aber auch widerlegen. Zum Beispiel die Sache mit dem Einspielen vor einer WM. Das stellt sich doch ganz anders dar.

Hoeneß sagte: „Wenn es Deutschland gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen – dann haben wir eine Chance.“

Es waren bei jedem Spiel seit Start der WM-Qualifikation mindestens fünf, meist sogar mehr potenzielle Stammspieler verletzt. Kai Havertz, Jamal Musiala, jetzt Serge Gnabry… Es gibt wahnsinnig viele Spiele, die Jungs kommen oft mit Muskelproblemen zur Nationalmannschaft. Da braucht es eine vernünftige, verantwortungsvolle Belastungssteuerung, da musst du hin und wieder wechseln. Alles andere ist Wunschdenken.

Havertz, Musiala sowie Florian Wirtz und Nick Woltemade gehören zur offensiven Achse der Nationalelf, doch alle haben Probleme wie Verletzungen und Formkrisen durch die Saison geschleppt. Wünscht man sich als Verantwortlicher nicht, dass sie mit Rückenwind ins Turnier gehen?

Natürlich ist eine erfolgreiche Saison auch für eine anschließende Weltmeisterschaft förderlich. Aber grundsätzlich Ich empfinde ich das als Legendenbildung. Wenn man die These weiterdenkt, hätten wir bei der WM 2002 doch scheitern müssen, nachdem Bayer Leverkusen auf dramatische Weise keinen Titel gewonnen hat, obwohl man die Qualität für alle drei hatte. Doch was ist passiert? Wir kamen total überraschend ins Finale. Michael Ballack hat das Turnier seines Lebens gespielt. Bernd Schneider wurde als weißer Brasilianer tituliert. Carsten Ramelow, der immer so ein bisschen unter dem Radar geblieben ist, hat eine super WM gespielt. Oliver Neuville vorne war top. Dazu kam: In der ersten Woche des Trainingslagers im Schwarzwald haben zehn Spieler noch gefehlt. Also: Es ist schön, wenn du vorher erfolgreich und eingespielt bist, aber auch nicht die Grundvoraussetzung für eine gute WM.

Ist Nagelsmann zu selten im Stadion? Das meint zumindest Lothar Matthäus.

In meinen vier Jahren als Teamchef war ich häufig in Leverkusen, weil ich in der Ecke gewohnt habe, da bin ich ganz ehrlich (grinst). Genauso war der Jogi Löw überwiegend in Freiburg, um sich die Spiele anzuschauen. Ich bin ein Romantiker, der gerne im Stadion ist. Julian handhabt das etwas anders, er ist trotzdem total fußballverrückt, schaut sich permanent Spiele an. Aber klar, manchmal muss man sich als Bundestrainer auch zeigen. Und das tut Julian ja.

 DFB-Sportdirektor Rudi Völler ** NUR FÜR REDAKTIONELLE ZWECKE ** EDITORIAL USE ONLY **DFB-Sportdi
DFB-Sportdirektor Rudi Völler beim Funke-Interview auf dem DFB-Campus in Frankfurt.© FFS | Weßling

Wir sprechen hier nur über fußballspezifische Probleme. Ist das nicht positiv, wenn man an Katar 2022 zurückdenkt?

Das stimmt. Natürlich gibt es geopolitische Probleme in der Welt, die uns allen nicht gefallen. Es gibt immer die Hoffnung, dass sich die politische Lage normalisiert. Aber das ist aktuell leider nicht die Realität und das muss man trennen können. Ich freue mich auf diese WM. Die Menschen können auch mal abgelenkt werden von den täglichen Sorgen. Am Ende geht es um Fußball. Deshalb halte ich auch von der ganzen Boykott-Diskussion nichts.

Warum nicht?

Ich finde heute noch, dass es ein Riesenfehler war, dass die USA, die BRD und viele westliche Staaten die Olympischen Spiele 1980 in Moskau boykottiert haben. Du hilfst niemandem und schadest nur den Sportlern. Das ist der falsche Ansatz.

Dürfen die Nationalspieler denn ihre Meinung sagen?

Bei uns kriegt kein Spieler einen Maulkorb. Jeder kann sagen, was er für richtig hält, aber bitte zum richtigen Zeitpunkt. Nicht so wie in Katar. Was da abgelaufen ist vor dem Japan-Spiel mit der Thematik um die Binde, war schlicht falsch und überflüssig.

Werden Sie bedenkenlos in die USA fliegen, wenn Sie an die politische Lage denken?

Ich kann nur generell unsere Hoffnung ausdrücken, dass es überall Frieden gibt. Aber das ist natürlich etwas, das so nicht eintreten wird. Die WM wird stattfinden. Wir sollten das Beste daraus machen und versuchen, uns auf den Fußball zu fokussieren. Und ich freue mich total darauf.

Was muss denn passieren, damit Deutschland diesmal die Gruppenphase übersteht und möglichst weit kommt?

Wir gehören sicherlich nicht zu den Topfavoriten. Aber wir sind eine Mannschaft, gegen die es jede Nation schwer haben wird, zu gewinnen. Man darf nicht vergessen, das geht mir ein bisschen zu sehr unter, dass wir sieben Spiele in Folge gewonnen haben, und das teilweise unter großem Druck. Natürlich haben wir nicht gegen Spanien oder Frankreich gespielt, aber trotzdem ist das eine Leistung von Julian Nagelsmann und seinem Team. Wir wollen Gruppensieger werden, aber ich bin mir nicht sicher, ob jeder weiß, wer bei Ecuador oder der Elfenbeinküste spielt. Wer von einer leichten Gruppe oder einem Selbstläufer spricht, hat von Fußball keine Ahnung.

Ein überzeugender Start gegen Curacao wäre aber schon wichtig.

Natürlich hilft ein guter Start. Aber es gibt auch andere Beispiele. Argentinien ist vor vier Jahren Weltmeister geworden, obwohl sie den Auftakt gegen Saudi-Arabien verloren haben. Wir wollen das erste Spiel gut gewinnen und eine Welle mitnehmen. Jetzt wollen wir noch zwei gute Länderspiele vor der WM machen und uns ein gutes Gefühl holen. Das werden wir wieder hinbekommen. Davon bin ich fest überzeugt, weil ich weiß, wie Julian mit seinem Trainerteam arbeitet.

Drückt Ihre Frau Ihnen die Daumen oder hat sie Sorge, dass Sie noch drei weitere Turniere dranhängen, wenn die WM gut läuft.

Nein. Ich bin jetzt zweimal schwach geworden. Nach der WM haben wir noch die EM 2028. Die werde ich noch mitnehmen. Dann bin ich 68. Dann müssen die Jüngeren ran. Ich bin ein Kind des DFB, habe hier fast alle Positionen gehabt. Das ist eine schöne Geschichte. Aber irgendwann ist es auch gut.